Alle schwärmen von Ambri, doch die Spieler laufen trotzdem davon

Der HC Ambri-Piotta hat sich in den letzten zwei Jahren neu erfunden, oder ist einfach den Weg zurück zu den Wurzeln gegangen. Dies funktioniert bisher hervorragend. Nur, wie lange noch?

Vor wenigen Stunden erreichte die Hockeyschweiz die Nachricht, dass Samuel Guerra von Ambri-Piotta nach Davos wechseln wird. Es ist ein Déjà-vu, denn dasselbe machte er bereits im Jahr 2009 als 16-Jähriger. Nun ist also auch der letzte grosse  Diamant auf dem Transfermarkt vom Tisch. Mittlerweile sind nur noch verstaubte Antiquitäten und kleine Diamantstücke zu finden - und das noch mitten in einer ausgeglichenen Saison, in der Playoff und Playout für acht (!) Teams näher zusammen sind als je zuvor.

Weshalb wechselt Samuel Guerra zum HC Davos? Nach zwei verkorksten Jahren in Zürich spielt er in Ambri die bisher beste Saison seiner Karriere und hat in 36 Spielen vier Tore und 15 Assists gesammelt. Nun verlässt er seinen Jugendverein nach nur einem Jahr zum zweiten Mal. Ein sportlicher Aufstieg ist es nicht, denn ein Blick auf die Tabelle zeigt: Ambri, 58 Punkte, Rang 5 und Davos, 30 Punkte, Rang 11. Auch geographisch macht der Wechsel kein grosser Unterschied: Sowohl Ambri als auch Davos sind Dorfklubs, gelegen in Tälern und umringen von angsteinflössenden Bergen. Und familiäre Aspekte? Davos ist nicht mehr dasselbe wie vor drei Jahren. Zwar sind mit Ambühl, Du Bois, Corvi, den Wieser Brüdern und Lindgren die besten Spieler noch beisammen, der wichtigste Mann fehlt aber: Arno Del Curto. Zudem gehört die Zukunft nicht den soeben aufgezählten Spielern, sondern einer neuen, noch nicht so deutlich sichtbaren Generation. In Ambri wäre Guerra zuhause, als Jugendlicher stand er in der Curva Sud, dort spricht er seine Muttersprache. Und trotzdem wählt er den Weg nach Davos.

Lobeshymnen von vielen Seiten

Etliche Seiten loben den Weg, den Ambri eingeschlagen hat. Ambri verpflichtet junge Spieler, schenkt ihnen auf dem Eis viel Verantwortung und verzeichnet auch neben dem Eis gute Entwicklungen. Die Transfers von Dominik Kubalik, Dominic Zwerger und Marco Müller stechen natürlich heraus.

Doch was passiert, wenn die drei Leistungsträger weg sind? Es findet sich nicht jedes Jahr ein neuer Dominic Zwerger auf dem Markt. Dass jedes Jahr ein neuer, junger Spieler mehr Verantwortung übernehmen kann wie zum Beispiel Marco Müller, hat sich mit Johnny Kneubühler als falsch erwiesen. Dieser sitzt nämlich grösstenteils als 13. Stürmer auf der Auswechselbank oder bestreitet seine Spiele mit den Ticino Rockets. Und Dominik Kubalik muss ebenfalls als einmaliges Wunder bestaunt werden.

Dominik Kubalik könnte Ambri bereits Ende Jahr in Richtung NHL verlassen. (TOPpictures/Sergio Brunetti)

Was ist also, wenn all diese drei Spieler in eineinhalb Jahren den Abgang machen? Ambri hat schon immer von Einzelspielern gelebt, auch wenn schliesslich das Kollektiv überwiegt, wie das Zwerger, Müller und Kubalik in jedem Interview betonen. Ohne diese drei stünde Ambri nicht dort, wo sie momentan sind. Mit Samuel Guerra hat ein Leistungsträger das Schiff bereits verlassen. Und mit Inti Pestoni konnte der «Sohn der Valascia» nicht zurück in sein Geburtsbett getragen werden.

Trotz Erfolg auf und neben dem Eis fehlt die Attraktivität

Wie soll Ambri für «Auswärtige» attraktiv sein, wenn sie sogar ihre eigenen Nachwuchsspieler nicht halten oder zurückholen können? Attraktivität bedeutet in der modernen Welt eben doch nicht nur Eiszeit und Entwicklungsmöglichkeiten, sondern auch Geld. Und das ist in der oberen Leventina momentan nicht im Überfluss vorhanden.

Dass in zwei Jahren die neue Heimstätte Ambris stehen soll, müsste doch eigentlich zusätzliche Attraktivität für den Klub bringen. Einerseits, um als letzte Mannschaft in der altehrwürdigen Valascia zu spielen und andererseits, um als erste Mannschaft in der neuen Halle aufzutreten. Für die kommende Saison hat Ambri trotzdem noch keine Zuzüge zu verzeichnen, obwohl einige junge und talentierte Spieler wie Roger Karrer, Marco Miranda und Julian Schmutz, der in Biel nicht mehr allzu viel Eiszeit erhält, auf dem Markt gewesen wären. Zwar hat man ja immer noch die Ticino Rockets, ob Spieler vom abgeschlagenen Letzten der zweiten Liga eine Verstärkung sind, darf aber doch stark bezweifelt werden.

Ob Jason Fritsche, mit zehn Treffern momentan der beste Torschütze der Rockets, seinem Bruder John in die National League folgen kann? (TOPpictures/Sergio Brunetti)

Auch im Jahr 2019, wo sich die Hockeylandkarte allmählich zu verschieben beginnt, ist Davos immer noch attraktiver als Ambri, obwohl die Bündner wegen des Umbaus des Stadions anscheinend auf Sparkurs sind. Und in Ambri, wo momentan ziemlich vieles rund läuft und man von der zweiten Playoff-Qualifikation seit 2006 träumen darf, muss sich trotzdem Sorgen gemacht werden. Die Frage ist nämlich, für wenn man die neue Valascia überhaupt baut? Samuel Guerra hätte einer dieser Spieler sein können, um welche die Verteidigung in Zukunft aufgebaut wird. Aber er hat sich für den Wechsel nach Davos entschieden - weil Davos auch 2019 noch einen klangvolleren Namen und ein grösseres Portmonnaie besitzt. Bei Inti Pestoni gilt dasselbe. Um ihn wäre die Mannschaft für die neue Valascia aufgebaut worden. Doch ein Dorfklub kann eben nicht mit einer Hauptstadt mithalten.

Erfolgsmomente müssen genossen werden, so auch in Ambri. Denn in zwei Jahren könnte alles wieder anders aussehen. Und schliesslich müssen die Anhänger jedes Jahr mit dem selben Motto leben: Die Spieler kommen und gehen, aber der Klub bleibt bestehen.


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