Das helvetische Goalie-Problem ist gar nicht so gross, wie es gemacht wird

Genoni zu Zug, Merzlikins in die NHL. Topteams wie Bern und Lugano stehen in der nächsten Saison noch ohne Toptorhüter da. Auf dem Markt gibt es keinen gleichwertigen Ersatz mehr. Grund zur Sorge um das Schweizer Eishockey?

Ein einziger Transfer hat die Diskussion über die Erhöhung des Ausländerkontingents ausgelöst: Der Wechsel von Leonardo Genoni zum EV Zug. Nun steht der SC Bern in der kommenden Saison ohne grossen Torhüter da. Zufälligerweise spielt sich in der gleichen Zeitspanne das Goalie-Theater in Davos ab. Ohne weiteres Hinterfragen ist das Problem in der National League gefunden: Die Schweiz hat ein Torhüter-Problem.

Hat sie das wirklich? Sind die Schweizer Torhüter schlechter geworden? Nein, die Torhüter sind nicht schlechter geworden, sie haben ihre Fangquote in den letzten Jahren sogar stetig gesteigert. Kritiker würden nun behaupten, das Goalie-Problem läge nicht in der Qualität, sondern in der Quantität.

Dann werfen wir einen Blick in die Statistik. Wie wir bereits gestern berichtet haben, hat sich Sandro Zurkirchen in dieser Saison enorm gesteigert. Er ist aber nicht der einzige Torhüter, der seine Fangquote massiv verbessert hat. In der laufenden Spielzeit beträgt die durchschnittliche Fangquote 92.45 %, während die Torhüter vor einem Jahr nur 91.80 % aller Schüsse abwehren konnten. Dies bedeutet, dass die Goalies bei 200 Torschüssen einmal weniger hinter sich greifen mussten. In der Saison 2014/15 lag die Fangquote bei 91.29 %, in der Saison 2010/2011 landete mit einer Quote von 89.54 % mindestens jeder zehnte Torschuss in den Maschen. Die National League hat momentan die höchste durchschnittliche Fangquote seit der Einführung dieses Wertes.

Sowohl Ivars Punnenovs (hier im Bild) als auch Damiano Ciaccio haben eine Fanquote über 93 %. (TOPpictures/Andy Buettiker)

Die Anzahl Schüsse pro Spiel sind praktisch identisch geblieben: Letztes Jahr wurden pro Spiel 30.92 Pucks aufs Tor abgegeben, momentan sind es 30.85 Schüsse. In den letzten zehn Jahren pendelte die durchschnittliche Anzahl Schüsse pro Spiel zwischen 28 und 32 hin und her. Sind nun unsere Torhüter etwa besser geworden oder wurden die Feldspieler einfach schlechter?

Werfen wir einen Blick in die beste Liga der Welt. Möglicherweise hat sich die Schutzausrüstung in den letzten Jahren zugunsten der Torhüter verbessert und es fallen allgemein weniger Tore. In den letzten neun Jahren hat die NHL eine durchschnittliche Fangquote zwischen 91.1 und 91.5 % gehabt. In diesem Jahr liegt sie bei 90.8 %. Die Torhüter oder deren Ausrüstung sind folglich im Allgemeinen nicht besser geworden.

Die grossen Torhüter landen nicht mehr nur in Bern, Zürich oder Davos

Auch wenn es verrückt klingt: Die National League ist trotz der immer stärker werdenden Macht des Geldes ausgeglichener worden. Zwar können Dorfklubs wie Ambri und Langnau keinesfalls finanziell mit den Titanen Bern, Zürich oder Lugano mithalten, doch sie geben sich mit dem Spielermaterial, das sie unter Vertrag haben zufrieden.

Die Machtverhältnisse haben sich in den letzten Jahren markant verändert. Davos ist nicht mehr das Hockeyzentrum der Schweiz. Somit hat Davos auch nicht mehr die ganz grossen Torhüter in ihren Reihen: Leonardo Genoni, Jonas Hiller und Reto Berra sind mittlerweile alle im Mittelland beschäftigt.

Leonardo Genoni ist zweifellos einer der besten Schweizer Torhüter überhaupt. Im Sommer hat er einen Fünfjahresvertrag in Zug unterschrieben. (TOPpictures/Alexander Raemy)

In der nächsten Saison werden diese Schweizer Kulttorhüter aber weder in Bern noch in Zürich oder Lugano beschäftigt sein. Dies hat einen einfachen Grund: Biel, Fribourg, Lausanne und Zug haben in den letzten Jahren wirtschaftlich zu den Grossmächten aufgeschlossen. Alle vier geben sich in der heutigen Zeit nicht mehr mit einem guten Torhüter zufrieden. Nur ein grosser Torhüter kann die Sportchefs von allen Sorgen befreien. So spielt Tobias Stephan in der nächsten Saison in Lausanne und Leonardo Genoni wechselt nach Zug. Die Ex-NHL Spieler Hiller und Berra sind bei Biel respektive Fribourg unter Vertrag.

Und wer steht in Bern oder Lugano während der nächsten Saison im Tor? Kein Genoni, kein Berra und auch kein Hiller. Die Torhüter-Situation zeigt die Ausgeglichenheit, wenn es um die oberen Tabellenplätze geht. Als die SCL Tigers vor sieben Jahren mit Robert Esche aufgrund mangelnder Alternativen einen US-Amerikaner im Tor verpflichten mussten, hatte auch niemand gejammert.

Sowohl die ZSC Lions als auch der EV Zug hatten mit Ari Sulander und Jussi Markkanen jahrelang eine Ausländerlizenz für die Torwartposition opfern müssen. Hat dabei jemand lamentiert? Nein, Sulanders Trikot hängt mittlerweile sogar unter dem Dach des Hallenstadions.

Unsicherheit ist Gift für das fragile Selbstvertrauen der Torhüter

Je mehr die Medien auf den Torhütern rumhacken, desto mehr werden sie auch verunsichert. Die aktuelle Torhüter-Situation beim HC Davos zeigt, wie wichtig ein vor Selbstvertrauen strotzender Torhüter ist. Fehlt dem Schlussmann das Vertrauen, gerät die gesamte Mannschaft aus dem Tritt. Die Verpflichtung von Anders Lindbäck kurz vor dem Start der Saison hat sich bisher nicht als die erhoffte Verstärkung erwiesen und hat die Goalie-Talente Gilles Senn und Joren van Pottelberghe nur noch mehr verunsichert. Beide sind zweifellos zu talentiert für eine Rolle als zweiter resp. dritter Torhüter in der National League. Damit diese beiden Torhüter sich zu Stamm oder sogar zu Meister-Torhütern entwickeln können, sind regelmässige Einsätze und ein sportliches Management, das auf sie zählt, entscheidend. In Davos scheint dies aktuell nicht mehr der Fall zu sein, weshalb sich auf diese beiden Torhüter wohl nach einem anderen Arbeitgeber umsehen werden.

Die Verpflichtung Lindbäcks war definitiv nicht hilfreich für die Entwicklung der jungen Torhüter (hier Senn). (TOPpictures/Andy Buettiker)

Den jungen Talenten eine Chance geben

Vor einigen Jahren gaben die Klubs den jungen Torhütern im Vergleich zu heute noch die Chance auf regelmässige Spielpraxis. Thomas Bäumle, Benjamin Conz, Daniel Manzato und Lukas Flüeler erhielten damals noch die Möglichkeit, als Stammtorhüter durch eine Saison zu gehen. Und wer es nicht glaubt, auch Genoni und Berra waren vor zehn Jahren noch keine Top-Torhüter.

Potential für in Zukunft starke Torhüter ist auf jeden Fall vorhanden: Gauthier Descloux (22), Elien Paupe (23), Gilles Senn (22), Joren van Pottelberghe (21) und Ludovic Waeber (22) haben alle Einsätze in der Juniorennationalmannschaft hinter sich und stehen erst am Anfang ihrer Karriere. Descloux zeigt bei Genf momentan hervorragende Leistungen und wird Robert Mayer längerfristig die Nummer 1 wegschnappen. Waeber und Paupe haben je drei Einsätze bestritten und mit einer Fangquote von 93.55 % und 92.41 % starke Leistungen abgerufen.

Biels Sportchef Maritn Steinegger kann sich trotz grösser werdenden Ambitionen, nach Hillers Karriereende auf Elien Paupe zu setzen. (TOPpictures/Andy Buettiker)

Luca Boltshauser (25), Sandro Zurkirchen (28) und Benjamin Conz (27) wurden schon für die Nationalteams aufgeboten und haben noch nicht einmal das beste Torhüteralter erreicht. Alle drei spielen bisher eine sehr starke Saison und hätten auf jeden Fall das Potential, um eine Nummer 1 zu sein. Doch wie das Beispiel Lausanne zeigt, gibt man sich mit einem guten Torhüter wie Zurkirchen oder Boltshauser nicht mehr zufrieden. Es dürfen nur noch die besten der besten sein.

Die Schweizer Goalie-Sorge für die Zukunft ist daher kleiner, als sie von den Klubs gemacht wird. Einzig und allein die Klubs haben die Verantwortung, auch längerfristig Spitzentorhüter in der Nationalmannschaft zu haben. Nur durch regelmässige Spielpraxis der Talente können diese sich auch entwickeln und gewinnen das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Mit dem nötigen Mut der Sportchefs ist die Zukunft auf der Torhüter-Position gesichert. Die Schweiz hat gar kein Torhüter-Problem.


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