Der EV Zug auf Platz 2 macht sich zum grössten Meisterkandidaten

Am vergangenen Wochenende hat der EV Zug den SC Bern mit 4:2 geschlagen und das Rennen um Platz 1 nochmals neu lanciert. Doch brauchen die Zuger überhaupt den ersten Platz?

Die Tabelle in der Regular Season ist das Eine, das Auftreten in den Playoffs das Andere. In den vergangenen drei Jahren sind sowohl der SC Bern als auch die ZSC Lions vom achten bzw. siebten Platz aus Meister geworden. Dabei stellt sich natürlich immer wieder die Frage: Weshalb werden von September bis März überhaupt 50 Spiele gespielt?

In manchen Jahren ist diese Frage wirklich gerechtfertigt, in Spielzeiten wie diesen aber ist alles ein bisschen anders. Bis vor Kurzem spielten noch acht Teams um sechs Playoff-Plätze, mittlerweile kann man den Kampf mit etwas Realismus noch auf drei Teams um einen Platz beschränken: Ambri, Zürich und Lugano heissen die Anwärter. Zwischen ihnen liegt gerade einmal ein Pünktchen.

Was sich vor und hinter diesen acht Teams abspielt, ist kurz und knackig erzählt: Bern und Zug liegen unangefochten an der Spitze, Davos und Rapperswil sind abgeschlagen am Ende der Tabelle zu finden. Während in den hinteren Plätzen mittlerweile das Heimrecht im Playout-Final praktisch schon an Davos vergeben wurde, geht es an der Tabellenspitze nur noch um den goldenen Blumentopf. Ob Bern oder Zug die Regular Season auf Platz 1 beendet, spielt eigentlich keine Rolle.

GPWLP
1SC Bern503416101
2EV Zug50311997
3Lausanne HC50272382
4EHC Biel-Bienne50262479
5HC Ambri-Piotta50272379
6SCL Tigers50262478
7HC Lugano50262478
8Genève-Servette HC50252575
9ZSC Lions50252574
10Fribourg-Gottéron50252574
11HC Davos50183251
12Rapperswil-Jona Lakers50104032

Will Zug als Favorit in die Playoffs starten?

Mit dem 4:2 Heimsieg hat Zug das Rennen um Platz 1 zwar nochmals spannend gemacht. Sie halten sich somit die Option «Platz 1» immer noch offen. Mit einer Niederlage wäre der zweite Platz praktisch gesetzt gewesen.. Hinter Bern ist das keine grosse Niederlage für die Zuger. Auch in der vergangenen Saison hat man sich auf demselben Platz hinter demselben Konkurrenten positioniert.

Dieser zweite Platz ist für die Innerschweizer vermutlich gar keine schlechte Ausgangslage. In dieser Saison zählen sie noch nicht zum absoluten Favoriten. Mit den Zuzügen von Leonardo Genoni und Gregory Hofmann wird das in der kommenden Saison etwas anders aussehen. Das wissen nicht nur die Spieler selbst, das wissen auch die Gegner. Und deshalb rutschen die Zuger in eine Art Rolle des Underdog. Sie können sich hinter dem grossen SC Bern verstecken, dem zweifachen Meister der vergangenen drei Jahre, der nun zum dritten Mal in Serie die Regular Season gewinnen könnte.

Was wäre, wenn sich die Zuger doch noch den ersten Platz erobern würden? Es würde vielen Teams «die Augen öffnen». Der Erstplatzierte ist eben doch besser als der Zweitplatzierte. Der EV Zug wäre demnach besser und grösser als der schon fast als unbezwingbar erscheinende SC Bern. Angsteinflössend! Aber es wäre auch ein Warnschuss und eine Portion Extramotivation für den Gegner. Denn es bereitet vermutlich jedem mehr Freude, den Erstplatzierten aus der Meisterschaft zu werfen als den Zweitplatzierten. Der Zweite ist zwar Favorit, doch nicht der Gejagte. Für die Zusatzmotivation fehlt das gewisse Etwas.

In den Direktduellen hat Zug die Nase vorn

Abgesehen vom Heimvorteil in einem möglichen Playoff-Final gibt es für den ersten Platz so oder so nicht viele Begünstigungen. Sowohl von Platz 1 als auch von Platz 2 aus besteht die Möglichkeit, auf einen vermeintlichen Favoriten wie Lugano oder Zürich zu treffen. Schliesslich werden in dieser Saison die Gegner praktisch ausgelost. Und wenn man Meister werden will, dann muss man Lugano oder Zürich eben auch schon im Viertelfinal schlagen.

Zug wird den amtierenden Meister oder alle anderen Teams kein zweites Mal im Viertelfinal unterschätzen. Und es würde an Wunder grenzen, wenn die Zürcher in den Playoffs erneut eine Metamorphose durchleben würden. Mit Dan Tangnes steht zudem ein anderer Trainer an der Bande, der zum Vergleich mit Harold Kreis (noch) ohne Leistungsdruck auftreten kann. Wir nehmen also an, dass das Team des Norwegers souverän in den Final einziehen wird. Und auf wen wird man dort treffen? Auf den grossen SC Bern natürlich, die sich ebenfalls stilsicher in den Final spielen.
 

Das hätten auch die Zuger sein können: Der EVZ hat noch eine Rechnung offen mit dem SCB. (TOPpictures/)

Die beiden Dominatoren haben bereits eine grosse Partie in dieser Saison bestritten. Es handelt sich dabei um den Cup-Halbfinal, den die Zuger mit 2:3 nach Penaltyschiessen für sich entschieden haben. Wenige Wochen später haben sie den ersten Titel seit über 20 Jahren in die Höhe gestreckt. In den Anzahl Titeln in dieser Saison steht es also 0:1 für den «Aussenseiter». Eine Schmach für den seit bald zwei Jahren titellosen SCB.

In der Meisterschaft haben die Hauptstädter zwar die ersten zwei Duelle noch für sich entschieden. Mittlerweile hat Zug den Konkurrenten aber überholt, selbst zwei Siege eingefahren und somit im Direktduell in der Meisterschaft ausgeglichen. Das System von Tangnes hat sich in den vergangenen Monaten gefestigt und im Vergleich zum Saisonstart kaum mehr Lücken, während Bern seit Jahren konstant auf demselben hohen Level spielt. Auf einer Autobahn Richtung Meistertitel fährt der SC Bern eben nur auf der rechten Spur. Zwar macht er dies äusserst solide und hat den Tempomat auf die Maximalgeschwindigkeit von 120 km/h eingestellt. Doch die jungen, hungrigen Zuger brausen mit ihrem neuen Teamcar, der seit knapp drei Monaten im Einsatz ist, auf der linken Spur mit 122 km/h langsam an ihnen vorbei. Die Berner werden den lächelnden und zugleich winkenden Zugern langsam mit offenem Maul hinterherschauen können.

Der neue EVZ Car von Gössi. (bild: evz.ch)

Der Vergleich hinkt vielleicht etwas. Denn schliesslich darf ein Schweizer Gesetz nicht gebrochen werden. Das Überholmanöver der Zuger könnte im Strassenverkehr eine kleine Busse nach sich ziehen. Aber im Eishockey? Nein, da gelten andere Regeln. Und die werden auch nicht immer konsequent durchgeführt. Also, quo vadis Tugium?


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