Der Mythos Ambri lässt die Fans vom nächsten Märchen träumen

Ambri-Piotta ist sehr gut in die neue Saison gestartet und liegt derzeit auf Rang fünf. Nach schwierigen Jahren könnte es endlich wieder an der Zeit sein, das Wunder zu schaffen.

Sie vergleichen sich mit den Galliern im übermächtigen römischen Reich. Sie sehen den marxistischen Revolutionären Che Guevara und den Indianerhäuptling und Widerstandskämpfer Geronimo als ihre Vorbilder. Beide waren ihren Gegnern im Krieg qualitativ und quantitativ unterlegen und doch gab es keine andere Wahl, als den Krieg bis in den Tod weiterzuführen.

Der Hockey Club Ambri-Piotta steht auch in einem Krieg. Und zwar in einem wirtschaftlichen Krieg, in dem das Geld die entscheidende Ressource ist. Ohne Geld hat eine Sportorganisation im 21. Jahrhundert praktisch keine Chance im Spitzensport zu überleben. Im Vergleich zu früher geht es heute weniger um den Stolz und Loyalität der Spieler, die Mannschaftsfarben zu tragen, Sport ist längst ein Geschäft geworden. Das Bild des modernen Söldners trifft natürlich nicht auf alle zu, doch Sportler sind einfache (Wander-) Arbeitnehmer geworden. Verdient zum Beispiel ein Banker bei einer Bank mehr als bei der anderen, wechselt er ohne öffentlichen Aufschrei den Arbeitgeber. Dieses Gebaren ist mittlerweile auch im Eishockey angekommen.

Nun, Ambri musste in diesem Sommer das Budget wieder einmal um eine halbe Million kürzen. Sportchef Paolo Duca hat das Kader verkleinert und vor allem in den Nachwuchs investiert. Verletzungsbedingte Ausfälle müssen vermehrt mit Talenten aus dem Farmteam der Ticino Rockets kompensiert werden. Die ganz grossen Transfers blieben aus, der grösste Zuzug ist wohl das Eigengewächs Samuel Guerra.

Die letzte Playoff-Qualifikation liegt bereits mehrere Jahre zurück. In der Saison 2013/14 schafften die Tessiner zuletzt den Sprung in die Runde der letzten Acht. Dort flogen sie aber sang- und klanglos gegen Fribourg mit 4:0 in der Serie raus. Die Offensive hatte damals sicherlich mehr Talent: Inti Pestoni (heute Davos), Daniele Grassi (Bern), Marco Pedretti (Biel), Marc Reichert (zurückgetreten), Daniel Steiner (zurückgetreten) und Alain Miéville (La Chaux-de-Fonds) sind nur einige Namen von Schweizer Spielern, die Ambri zur letzten Playoff-Teilnahme verholfen haben.

Daniele Grassi hat sämtliche Juniorenstufen Ambris durchlaufen. (TOPpictures/Alexander Raemy)

Nach dem Gang in die Ligaqualifikation 2017 und der Rückkehr zur eigenen Identität wäre es wieder einmal an der Zeit für das nächste Kapitel im Märchen Ambri-Piotta. Für den Verein wäre eine Playoff-Qualifikation in diesem Jahr wirtschaftlich und sportlich extrem wichtig. Der Spatenstich für das neue Stadion wurde noch immer nicht gemacht, es fehlt weiterhin etwas Geld. Eine Playoff-Teilnahme würde die Attraktivität des Klubs bei den Spielern steigern. Hinterbänkler bei den Titanen wissen, dass sie auch in einem Dorf wie Ambri die Playoffs erreichen und sich sehr gut - wenn nicht gar besser - entwickeln können.

Wieso sollte es für Ambri genau in diesem Jahr für die Qualifikation reichen? Ohne grosse Transfers kann man doch kaum besser sein als das letzte Jahr? Aber Ambri ist besser geworden. Kein Team hat im Vergleich zur letzten Saison so viele Punkte geholt wie Ambri. Satte neun Punkte hat das Team nach elf Runden mehr auf dem Konto. Das Selbstvertrauen ist da, die Spieler wissen, dass sie gewinnen können. Die Grundlage für eine erfolgreiche Regular Season ist gelegt.

Kubalik, der Wunderknabe

Während Ambri früher stets für starke Ausländer bekannt war, konnte man in den letzten Jahren nur noch durchschnittliche Importspieler verpflichten. Der letzte dominierende Ausländer, den die Leventiner präsentieren konnten, war Erik Westrum. Westrum skorte in der Saison 2007/08 ganze 72 Punkte. Mittlerweile sind knapp zehn Jahre vergangen. Und Ambri hat einen echten Rohdiamanten entdeckt.

Dominik Kubalik könnte ein ganz anderes Level erreichen. Im Vergleich zu vielen seiner ausländischen Vorgängern, hat der Tscheche seine ganze Karriere noch vor sich. Das Ausnahmetalent ist erst 23 Jahre jung, hat aber schon einen eindrücklichen Lebenslauf hinter sich. Im vergangenen Sommer nahm er an seiner ersten Weltmeisterschaft teil und bewies sich gleich mit acht Punkten in acht Spielen auf internationalem Niveau.

Kubalik hat einen explosionsartigen Antritt. Wie er gegen die Rapperswil-Jona Lakers den Siegtreffer in Unterzahl erzielt hatte, war Weltklasse. Er lenkte an der blauen Linie einen Pass der Lakers ab, schob die Scheibe gekonnt zwischen den Beinen des Gegenspielers durch und eilte in Richtung Melvin Nyffeler. Bereits an der Mittellinie war Kubalik auf und davon.

Ursprünglich als Sniper in die Schweiz gekommen, entwickelte er sich zuletzt immer mehr zu einem kompletten Spieler mit einer unglaublichen Übersicht. Mit Marco Müller als Center versteht er sich mittlerweile blind. In den letzten Spielen wurde Matt D’Agostini als rechter Flügel in die Linie gestellt. Sobald diese drei auf dem Eis sind, verspürt man einen Funken Genialität.

Kubalik ist derzeit der Topskorer der Liga. Sieben Tore und sechs Assists in dreizehn Spielen sprechen für sich. Doch nicht nur offensiv mag er zu überzeugen, auch defensiv ist “Kuba” dominant geworden. So setzt Trainer Luca Cereda auch zwei Minuten vor Schluss in Unterzahl auf ihn. Genau um so wunderschöne Tore zu erzielen wie gegen die Lakers.

Das beste Powerplay der Liga

Ein Grund für die Erfolge Ambris sind sicher auch die Special Teams. Ambri hat momentan das beste Powerplay der National League. Keine andere Mannschaft kommt nur annähernd an die Quote von 24.39 % und zehn Powerplay-Toren heran. Sicherlich ist auch Kubalik ein Grund dafür. Der Tscheche hat schon drei Powerplay-Treffer erzielt.

Die Zuspiele kamen meist von - Dominic Zwerger. Der Österreicher mit Schweizer Lizenz und Youngster of the year 2018 knüpft genau dort an, wo er letzte Saison aufgehört hatte. Zwerger hat nach elf Spielen schon wieder fünf Tore und vier Assists auf seinem Konto, obwohl er sich in den Vorbereitungsspielen eine Knöchelverletzung zugezogen hatte und praktisch die ganze Vorbereitung ausgefallen war. Mit seinen neun Skorerpunkten ist er der zwölftbeste Skorer der Liga und der viertproduktivste Spieler mit Schweizer Lizenz.

Dominic Zwerger erzielte letzte Saison 49 Punkte. (TOPpictures/Andy Buettiker)

Daneben gibt es noch Ambris letztjähriger Topskorer Matt D'Agostini. Der Kanadier geht zwischen Kubalik und Zwerger fast ein bisschen unter. Trotzdem steht er mit elf Punkten an sechster Stelle in der Skorerliste.

Drei Spieler in den ersten zwölf der Skorerliste. Keine schlechte Bilanz für einen Dorfklub wie Ambri! Einzig Leader Biel mag mit Rajala, Earl und Pouliot mithalten.

Starke Abwehr gegen die direkte Konkurrenz

Im Eishockey machen drei hervorragende Spieler bekanntlich nicht den Unterschied aus. Wie soll man die Spiele gewinnen, wenn sowohl Kubalik als auch Müller und D’Agostini einen schlechten Tag einziehen? Für Ambri gehören Niederlagen zum Alltag wie die rutschige Unterlage zum Eishockey. So stehen in dieser Saison auch klare Niederlagen gegen Lugano (6:2), Bern (1:6) und Biel (1:5) zu Buche. Dazu kommen weitere Niederlagen gegen Zug (1:2) und Zürich (4:3 n. V.).

Die Tessiner haben 23 ihrer 29 Gegentore in fünf Spielen gegen die vier Halbfinalisten der letzten Saison und den EV Zug zugelassen. Biel führt die Liga nach Punktverlusten vor Bern, Zug und Zürich an. All diese Gegner spielen finanziell und wirtschaftlich in einer anderen Liga. Die Niederlagen sind auf dem Papier ohne Zweifel gerechtfertigt.

Will Ambri in die Playoffs kommen, dann müssen sie auch nicht die Titanen schlagen. Punktgewinne gegen die Mächte aus Zürich und Bern sind höchstens Bonuspunkte. Ambri muss die Duelle gegen die direkte Konkurrenz gewinnen. Gegen sämtliche Playout-Kandidaten konnte bisher ein Sieg gefeiert werden. Gegen Langnau (0:2) und Davos (5:0) konnte Benjamin Conz einen Shutout feiern. Gegen Genf (4:2), Lausanne (1:4), Rapperswil (2:1) und nochmals Davos (2:5) liessen Conz und Manzato jeweils nur wenige Tore zu. Sechs Gegentore in sechs Partien ist auf jeden Fall Playoff-würdig. Es zeigt, dass Ambri gegen Gegner mit ähnlichen Kadern defensiv sehr solide steht. Gegen Bern, Biel und Lugano wurden die individuellen Fehler eiskalt zu Toren umgenutzt.  

Falls Benjamin Conz mehr Konstanz in seinen Auftritten findet, wird er seine Fangquote von 91.88 % weiterhin verbessern. (TOPpictures/Andy Buettiker)

Der Hockeygott auf Seiten der Biancoblu

In den letzten Jahren wurden die Spiele gegen die direkte Konkurrenz oftmals verloren. Ein Sieg gegen den Meister aus Zürich bringt nicht viel, wenn man ein Sechspunkte-Spiel gegen die SCL Tigers verliert. Zu oft wurde Ambri auch als Sozialhelfer betitelt: Die Tessiner verschenkten immer wieder Punkte gegen den Tabellenletzten oder einem Team in schlechter Verfassung.

Dieses Szenario hat sich am Samstag gegen die Lakers beinahe wiederholt. Für viele war die Partie gegen den Aufsteiger die schlechteste der Saison. Und doch konnte man sie gewinnen. In den vergangenen Jahren hätte Ambri solche Spiele verloren. In der letzten Saison hat das Team von Cereda oftmals besser gespielt und musste am Ende trotzdem eine “ehrenvolle” Niederlage einstecken.

Ambri ist auf das Glück des Tüchtigen angewiesen. Die Leventiner haben zu wenig Talent, um die Gegner in jedem Spiel zu dominieren. Sie erreichen die Playoffs nicht mit spielerischem Glanz, sondern mit Kampfgeist und Leidenschaft. “Das Glück auf seine Seite zwingen”, heisst das bekannte Sprichwort und das muss das Ziel der Cereda Truppe sein. Bisher trägt der Hockeygott die Farben blau und weiss.

“Il ritorno del capitano”

Etwas überraschend, aber nach der Vertragsauflösung mit Carolina doch eher zu erwarten, wurde sie gestern verkündet: Die Rückkehr des ehemaligen Captains Michael Fora. Vor knapp vier Monaten hatte er einen Vertrag in der NHL unterschrieben, nach sieben Wochen in Amerika brach der Nationalverteidiger seine Zelte (vorerst) wieder ab und die Rückkehr zu Ambri wurde verkündet. Die Carolina Hurricanes sahen in ihm kein Potential und wollten ihn in die drittklassige ECHL schicken. Für den 22-Jährigen war dies keine Option und so kehrt er zurück zu dem Verein, der ihm überhaupt die Möglichkeit des kurzen Amerika-Trips ermöglicht hatte.

Fora ist zurück in der Valascia. Er bespricht sich mit dem NHL-erfahrenen Bryan Lerg. 

In Ambri wissen alle, was sie an ihm haben. Und Fora weiss, wie sehr er geschätzt wird. In der weiten Welt über dem Ozean ist dies nicht der Fall. Dort herrschen andere Prinzipien. Die Vergangenheit zählt nicht, was neben dem Eis passiert noch weniger. Nur die sportliche Leistung auf dem Eis ist ein Grund für den Erfolg. In den wenigen Wochen, in denen Fora mit den Hurricanes trainiert hatte, konnte er sich offensichtlich nicht empfehlen.

Die Rückkehr birgt auch ein Risiko. Jeder kennt Foras Qualitäten, doch niemand weiss, ob er diese direkt wieder aufs Eis bringen kann. Wird  er die Enttäuschung in Amerika verdauen und sich wieder auf die eigenen Stärken konzentrieren können?

Dass ihn die Mannschaft wieder aufnimmt, daran gibt es keinen Zweifel. Trotzdem wird ein Verteidiger unter der Rückkehr leiden müssen. Zudem sitzt Lorenz Kienzle seit mehreren Partien nur auf der Tribüne. “Er habe sich noch nicht ganz an das System Ceredas angepasst, aber er sei auf einem guten Weg”, hiess es zuletzt immer wieder. Mit Fora und Kienzle in der Verteidigung wird Ambri offensiv als auch defensiv noch ein Stück stärker werden.

Captain bleiben wird Elias Bianchi, der momentan noch verletzt ist. Fora betonte aber an der gestrigen Pressekonferenz, dass er keinen Buchstaben auf der Brust brauche, um eine Vorbildfunktion einzunehmen. Mit ihm kehrt eine starke Persönlichkeit zurück, die dem Klub noch mehr Identität verleihen wird.

Am Dienstag wird er - auch aufgrund der Spielerlizenz - noch nicht im Einsatz stehen. Dafür dürfte er am Wochenende sein Saisondebüt geben. Mit oder ohne Fora, allein der Fakt, dass die Tessiner nach elf Runden mit vier Punkten Vorsprung einen Playoff-Platz besetzen und im Cup-Viertelfinal stehen, lässt die Fans träumen. Das nächste Kapitel im Mythos Ambri hat begonnen und mit Michael Fora ist einen weiteren Hauptdarsteller zurückgekehrt.


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