Die grösste Schweizer Schwäche, die leider sehr schwer zu beheben ist

Die Schweizer WM-Auswahl hat sich dank vier Siegen zum Auftakt für den Viertelfinal qualifiziert. Bei den Niederlagen gegen Schweden und Russland hat sie aber ein grundsätzliches Problem bestätigt, das leider kaum zu beheben ist.

Eigentlich wollte der Chronist diesen Bericht bereits nach zwei Spielen veröffentlichen. Sowohl gegen Italien als auch gegen Lettland verlor die Schweiz die Mehrheit der Bullys. Nachdem der Chronist gegen Österreich die Statistik selbst in die Hand nahm - der IIHF listet nämlich nur die besten 30 in der Statistik auf -, musste er sich doch noch etwas gedulden. Denn gegen Österreich verbesserte so gut wie jeder Schweizer seine Faceoff-Quote. Spätestens nach den Spielen gegen Schweden und Russland ist aber klar: Die Schweiz hat tatsächlich ein gröberes Bully-Problem.

Kein sicherer Bully-König auf der Mittelachse

Im Vergleich zum Silbergewinn vor einem Jahr hat Patrick Fischer die Mittelachse an der WM in Bratislava zu 75 % ausgetauscht. Mit Nico Hischier und Philipp Kurashev besetzen zwei junge, aufstrebende Neulinge die so wichtige Position des Centers. Sie ersetzen Enzo Corvi, der eine schlechte Saison hinter sich hat, und den verletzten Joel Vermin. Zudem erhält Christoph Bertschy immer mehr den Vorzug gegenüber Noah Rod in der vierten Sturmreihe.

Dass Nico Hischier ein sehr kompletter Spieler ist, bezweifelt niemand. Trotzdem hat auch er seine Schwäche: Bullys. Hischier hat mit seinen 186 cm und 79 kg nicht die Postur eines grossen und vor allem kräftigen Bullyspezialisten ala Jason Spezza (191 cm / 97 kg) oder Sean Couturier (192 cm / 96 kg). In der vergangenen Saison hat er 45.2 % seiner Anspiele gewonnen und sich damit im Vergleich zu seinem Rookie-Jahr um fast 3 % gesteigert. Seine Quote wird aller Voraussicht nach weiterhin noch etwas steigen, denn es steckt oftmals sehr viel Routine dahinter. Trotzdem wird Hischier vermutlich kein König der Anspiele mehr werden.

Für die Bullys fehlen Nico Hischier manchmal ein paar Kilos. (Andre Ringuette/HHOF-IIHF Images)

Bei Kurashev gilt natürlich ähnliches: Auch er hat mit seinen 19 Jahren seine ganze Profikarriere noch vor sich und noch wenig Routine in den Händen. Seine Anzahl Spiele auf Profiniveau vor dem Nati-Aufgebot konnte man an einer Hand abzählen. Dies zeigt sich natürlich auch bei den Bullys. In der QMJHL gewann er zwar etwas über die Hälfte der Faceoffs (52.9 %), zwischen Junioren- und Profilevel liegen allerdings Welten. Er muss sich erst noch an die härtere Gangart bei den Anspielen gewöhnen.

In der vierten Linie hat sich in den letzten Spielen Christoph Bertschy den Platz als Center erkämpft. Der Stürmer des Lausanne HC ist zwar ursprünglich als Center gross geworden, hat sich in den letzten Jahren aber immer mehr zum Flügel entwickelt und kaum mehr auf der Mittelachse gespielt. In der Qualifikation trat er nur zu 25 Bullys an und gewann davon 40 %. In den Playoffs sank seine Quote bei 28 Faceoffs auf 25 %.

In den Spielen gegen Italien und Lettland teilte Bertschy die Rolle noch mit Noah Rod. Aber auch dieser ist im Klubleben bei Genf-Servette nicht als Center eingeplant. Durch Einsätze im Boxplay kam er zwar immerhin auf genau 100 Anspiele. Seine Quote ist mit 41 % aber ebenfalls unterdurchschnittlich. Im internationalen Vergleich steigt bei einem ungeübten Bullyspieler diese wohl kaum.

Der einzige Center, der nach den ersten zwei Spielen eine positive Bilanz aufzuweisen hatte, war Gaetan Haas. 59 % der Anspiele hat er für sich entschieden, mittlerweile ist Haas nur noch Durchschnitt. In der National League ist der Stürmer des SC Bern ebenfalls kein gefürchteter Bullyspieler. Mit 49.51 % gewann er knapp die Hälfte der Anspiele in der Regular Season. Als es in den Playoffs hart auf hart kam, sank seine Quote auf 39.82 %. Trotzdem ist Haas noch das beste, das die Schweiz zu bieten hat. Deshalb kommt Haas in Unterzahl und vor allem bei 5 gegen 3 Situationen zum Einsatz.

Gaetan Haas dürfte bald in der NHL seine Bullys bestreiten. (Andre Ringuette/HHOF-IIHF Images)

Wenn die Verteidiger plötzlich ran müssen

Alles in allem ist die Schweiz aber verhältnismässig schlecht aufgestellt, was die Bullys betrifft. Gegen die Letten versuchte sich plötzlich Verteidiger Raphael Diaz am Anspiel. Zudem wurde Kurashev je länger je mehr von Lino Martschini abgelöst, gegen Russland musste er sich ab dem zweiten Drittel mit der Rolle des 13. Stürmers begnügen und wurde durch Andres Ambühl ersetzt. Ambühl kann zwar Bullys, ist aber kein Garant für eine Quote über 60 %.

Die Topnationen (die Top Six) haben alle mindestens einen Spieler mit einer Quote von über 60 %. Auch die Dänen (Lars Eller), die Letten (Teodors Blugers), die Norweger (Kristian Forsberg) und die Deutschen (Leon Draisaitl und Patrick Hager) haben mindestens einen Topspieler (mind. 60 %) in dieser Statistik.

Bester Schweizer Bullyspieler ist momentan Nico Hischier. Er hat insgesamt 55.67 % der Anspiele gewonnen, wobei diese Zahl nicht überbewertet werden darf. Gegen Österreich gewann Hischier etwa 80 % von über 15 Bullys. So lassen sich die Zahlen natürlich einfach verbessern.

Die Wichtigkeit der Faceoffs

Wie wichtig Bullygewinne sind, zeigte zum Beispiel die 57. Minute im Spiel gegen Lettland. Nico Hischier gewann das Anspiel und Kevin Fiala legte die Scheibe zurück zu Roman Josi. Dieser suchte wie so oft den Weg nach vorne und fand an der Bande den freien Platz, weil die Letten nach dem Bully noch nicht richtig geordnet waren. Josi konnte den Puck vors Tor spendieren, wo schliesslich Hischier die Scheibe über die Linie stocherte und das Spiel entschied.

Solche in Anführungszeichen «einfachen» Puckgewinne sind für das Spiel unentbehrlich. Auch wenn den Schweizern die grossen Brocken ala Niederreiter oder Meier vor dem Tor fehlen, setzt man mit jedem Abschluss den Gegner unter Druck. Verliert man das Bully, muss man erstmals dem Puck nachjagen und ihn ausgraben. Das kostet Kraft und Energie, die man lieber in wirbelige und schnelle Offensivaktionen investiert. Und man verliert in jedem Powerplay wertvolle Sekunden, weil man das Überzahlspiel aus der eigenen Zone neu aufstellen muss.

Es ist allerdings nicht die erste Weltmeisterschaft, an der die Schweiz eine Anspielschwäche hat. Die ganz grossen Bullyspezialisten fehlen einfach in unseren Reihen. Tanner Richard wäre sicherlich eine Bereicherung für die Mittelachse, der momentan wohl beste Schweizer Bullyspieler fehlt aber leider verletzungsbedingt.

Und so gilt es, in der offensive den Gegner noch schneller unter Druck zu setzen und zu Fehlern zu zwingen. Umgekehrt muss man im eigenen Drittel umso besser stehen und die Räume schliessen. Nur so kann man die fehlenden Bullygewinne gegen die grossen Nationen irgendwie kompensieren. Gegen Tschechien sollte dies am Dienstag auf jeden Fall möglich sein. Diese sind nämlich am Bully statistisch deutlich weniger überlegen als die Schweden und die Russen.


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