Die Krise des SC Bern ist nicht so gross wie sie gemacht wird

Der SC Bern entlässt am Dienstagmorgen den zweifachen Meistertrainer, nachdem der Vertrag im Herbst noch frühzeitig verlängert wurde. Stecken die Berner in einer der grössten Krisen der Neuzeit? Wohl kaum.

In den vergangenen Tagen gab es in vielen Medien nur ein Thema: Der SC Bern belegt nach 40 Spielen nur Platz 9. Das ist nicht eines Meisters würdig. Dies hat mittlerweile auch der Verwaltungsrat der Berner erkannt und deshalb Kari Jalonen entlassen. Als Notlösung ist Hans Kossmann verpflichtet worden, der diese Rolle ausgezeichnet kennt. Er führte die ZSC Lions 2018 ebenfalls kurzfristig aus der Krise und gewann mit ihnen den Meistertitel. 

Die Meisterkandidaten haben sich verdoppelt

Der SCB belohnte sich in den letzten vier Jahren dreimal mit dem Meistertitel. Die Berner zeigten mit drei Qualifikationssiegen in Serie eine Dominanz, die wir in diesem Jahrtausend nie gesehen haben. Und nun, nicht einmal ein Jahr nach dem letzten Erfolg, soll der SC Bern in einer riesengrossen Krise stecken? Weil er für einmal nicht ganz vorne mitspielen kann?

Gerne vergisst man, dass sich die Anzahl Meisterkandidaten in den letzten Jahren fast verdoppelt hat. Zu den «Big Four» Bern, Davos, Lugano und Zürich, welche die letzten 21 Meistertitel unter sich ausgemacht haben, kommen der EV Zug, der sich gerade zu einer der grössten Nachwuchsorganisationen Europas entwickelt, der Lausanne HC, welcher sich über das Geld des Milliardären Ken Stickney erfreuen darf und mittlerweile Meisterambitionen hat, und der EHC Biel, dessen Gönner jährlich über vier Millionen Franken in die Kasse spülen. Auch der HC Fribourg-Gottéron möchte sich ein Meisterteam zusammenstellen, was jedoch bisher kaum gelingt. 

Es gibt einfach mehr gute Spieler

Die Berner sind also nicht mehr eines von wenigen Teams, die mit dem Ziel Meistertitel in die Saison starten. Es gibt mehr Konkurrenz. Und da kommt ein weiterer Punkt hinzu: Es gibt einfach mehr «gute» Schweizer Spieler. Die Hälfte der Spieler in der National League darf mittlerweile als Nationalmannschafts-Prospect bezeichnet werden. Nicht nur 20-30 Spieler zählen in den Kreis der Nationalmannschaft, sondern 50 plus. Allein in dieser Saison kamen bisher 40 Spieler in den Vorbereitungsturnieren zum Einsatz. Es ist selbstverständlich, dass nicht alle in der Hauptstadt spielen können, sondern dass sie sich auf die verschiedenen Teams mit Meisterambitionen und teilweise den «Strich-Teams» verteilen. Dadurch ist eine Dominanz, wie sie der SCB in den letzten Jahren gezeigt hat, eigentlich gar nicht möglich. Sie ist viel mehr eine Ausnahme als die Regel. Die Liga ist zu ausgeglichen.

Klar, es existieren weiterhin Ausnahmetalente, die vermutlich das spielerische Potential für die NHL hätten und in der National League Spiel für Spiel den Unterschied ausmachen können. Die Rede ist von einem Gregory Hofmann, Christoph Bertschy, Andreas Ambühl, Simon Moser etc. Doch diese werden nicht mehr nur vom SCB umworben. Es gibt mittlerweile mehr als eine Handvoll Teams, die Interesse an den besten Schweizer Spieler bekunden und sich diese vor allem leisten können. 

Simon Moser ist einer der Leitwölfe des SCB. Allerdings kann es ja auch nicht zehn Leitwölfe geben. (JustPictures)

Auf der anderen Seite gibt es sogenannte Nati-Prospects durch die immer besser werdende Ausbildung en masse. Gregory Sciaroni, Matthias Bieber und Inti Pestoni, die zuletzt den Weg nach Bern gefunden haben, gehören in diese Kategorie. Sie haben allesamt Spiele für die Nati bestritten, kommen aktuell jedoch nicht mehr an ihr bestes Niveau heran.

Der Erfolg gab dem SC Bern recht 

Dem SCB wird immer wieder vorgeworfen, er baue keine Spieler aus dem eigenen Nachwuchs in die erste Mannschaft ein. Aktuell stehen jedoch mit André Heim, Jeremie Gerber, Yanik Burren, Colin Gerber und Mika Henauer fünf Spieler im Kader, die in den letzten drei Jahren den Sprung aus dem eigenen Nachwuchs ins Fanionteam geschafft haben.

Dass mehrere Spieler wie Marco Müller, Samuel Kreis und Luca Hischier als untauglich bezeichnet worden sind, ist pure Polemik. Möglicherweise stünde der SC Bern mit diesen Spielern in dieser Saison besser da. Man muss die Situation aber für einmal etwas anders betrachten: Zum damaligen Zeitpunkt waren die oben genannten Spieler tatsächlich nur Mitläufer und die Betitelung "untauglich" war korrekt. Zum damaligen Zeitpunkt waren sie einfach nicht gut genug.

Der Vorwurf, es wurde aber nicht über den Tellerrand hinaus geblickt, ist durchaus verständlich. Wirft man einen Blick nach Nordamerika, dann wird man dies vielleicht doch plötzlich etwas anders einordnen können.

Vor der Trade Deadline, die dieses Jahr am 24. Februar ist, werden in der NHL meist noch viele Trades gemacht. Meistens finden diese zwischen fixen Playoff-Teilnehmern und solchen, die die Playoffs nicht mehr erreichen werden, statt. Die schwächeren Teams geben dabei ihre unrestricted free agents ab, also diejenigen Spieler, deren Vertrag Ende Saison ausläuft und nicht mehr an ihr Team gebunden sind und den neuen Arbeitgeber frei aussuchen können. Im Gegenzug fordern die schlecht platzierten Teams Draftpicks.

Die Titelaspiranten wollen sich im Hinblick auf die Playoffs verstärken. Sie geben also ihre Draftpicks für Spieler ab, bei denen es keinerlei Garantie gibt, dass sie über den Sommer hinaus bleiben werden. Kurz und knapp gesagt: Sie tauschen ihre Zukunft für den kurzfristigen Erfolg ein. Dieser Erfolg ist allerdings ebenfalls nicht garantiert.

Der SC Bern hatte dies ähnlich gemacht. Sie setzten auf die Gegenwart und haben dabei den Blick in die Zukunft etwas vernachlässigt. Der Erfolg gibt ihnen im Nachhinein aber recht. Sie wurden dreimal in vier Spielzeiten Schweizermeister. Es gibt keine Garantie, dass dies mit Müller, Kreis und Hischier im letzten Jahr auch der Fall gewesen wäre.

Es hätte keinerlei Garantie gegeben, dass sich zum Beispiel Marco Müller in Bern genauso entwickelt hätte wie in Ambri. Manchen Spielern tut eine Luftveränderung gut. (JustPictures)

Nach den fetten Jahren folgen wieder dünne Jahre. Dies ist überall so, ob im Sport, in der Wirtschaft oder im Privatleben. Es kann nicht immer Hochkonjunktur sein. Deshalb sollte die aktuelle Saison des SCB nicht als eine der grössten Krisen des Jahrtausends gewertet werden. Die Playoffs sind noch gut zu erreichen und dann ist bekanntlich wieder alles möglich. Solange die Saison nicht beendet ist, darf grundsätzlich gar nichts beurteilt werden. Eines ist klar, ansonsten schaut man der Realität nicht ins Auge: Nach drei Meistertiteln in vier Jahren dürfen die Playoffs auch einmal verpasst werden.




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