Gehören ausländische Verteidiger bald der Vergangenheit an?

Seit der Reduktion des Ausländerkontigents auf nur noch vier anstatt fünf Spieler pro Mannschaft im Jahr 2007 ist es bei vielen Mannschaften ein ungeschriebenes Gesetz, neben drei ausländischen Stürmern einen Verteidiger im Kader zu haben. Doch mittlerweile stellt sich die Frage, ob ausländische Verteidigungsminister überhaupt noch «zeitgemäss» sind.

In dieser Spielzeit haben mit den SCL Tigers, den SC Rapperswil-Jona Lakers und dem EV Zug erstmals drei Mannschaften komplett auf ausländisches Spielermaterial für die Defensive verzichtet. Während diese Strategie bei Zug seit drei und bei den Langnauern seit einer Spielzeit angewendet wird, setzt der letztjährige Aufsteiger Rapperswil seit dieser Saison ebenfalls auf vier bzw. fünf ausländische Stürmer. Und tatsächlich zahlt sich dies bisher aus. Mit drei Siegen - zwei davon nach Verlängerung - aus vier Spielen haben die Lakers fast schon ein Drittel aller Siege der Vorsaison auf dem Konto. 

Vermehrt vier Stürmer bei Underdogs?

Zug hat die Strategie mit vier offensiven Importspieler vor drei Jahren nicht neu erfunden. Natürlich war dies ab und zu auch bei anderen Teams zu sehen. Zu einem dieser Teams zählte auch der EHC Biel. Obwohl einem der Name ziemlich bekannt vorkommen mag, kann man das damalige Biel kaum mit dem heutigen vergleichen. Denn vor einigen Jahren kämpften die Seeländer fast in jeder Saison gegen den Abstieg und nur sporadisch um die Playoffs. Die Bieler von damals sind sicherlich etwas mit den SCL Tigers von heute zu vergleichen, die bekanntlich ebenfalls auf vier ausländische Stürmer setzen.

Während den Emmentaler nach der zweiten Playoff-Saison der Geschichte erneut ein Playoff-Platz zuzutrauen ist, geht es bei den Rapperswil-Jona Lakers in dieser Saison vorerst darum, die Lücke zu den anderen elf Mannschaften zu schliessen und nicht erneut abgeschlagen auf dem zwölften Tabellenplatz zu landen. Trotzdem haben beide Teams etwas gemeinsam: Sie werfen nicht mit dem Geld um sich und zählen daher eher zu den Underdogs. Genauso wie der EHC Biel vor einigen Jahren. 

Mit den Stürmern Ahren Spylo (Bild), Pär Arlbrandt, Dragan Umicevic, Niklas Olausson und Jêrome Samson erreichten die Bieler 2014/15 die Playoffs. (bild: urs lindt/freshfocus)

Man darf nach diesen wenigen Spielen in der neuen Saison durchaus behaupten, dass vier ausländische Stürmer bei vermeintlichen Underdogs sicherlich keine schlechte Idee ist. Denn schaut man sich an, wie viele Tore der Tigers bzw. der Lakers bisher von den ausländischen Angreifern erzielt worden sind, darf man durchaus überrascht den Hut ziehen. Bei Rapperswil sind ganze 70, bei Langnau 55 Prozent der Tore von den Importspielern erzielt worden. Desweiteren gehen bei Rappi sechs von 16 und bei Langnau neun von 19 Assists auf das Konto der Ausländer. Und obwohl hinten kein Ausländer die Verteidigung orchestriert, haben sie bisher wenig Tore zugelassen. Rapperswil hat bisher acht Gegentreffer erhalten, Langnau deren elf.

Machen vier Stürmer auch bei Meisterfavoriten Sinn?

Der EV Zug darf im Gegensatz zu den anderen zwei Teams ohne ausländischen Verteidigern nicht in die Gruppe der Underdogs geworfen werden. Die Innerschweizer zählen klar zu den Meisterfavoriten. Zufälligerweise wird aber gerade die Defensive der Zuger vielerorts als Schwachpunkt ernannt. Und bekanntlich gewinnt der Angriff Spiele, die Verteidigung jedoch Meisterschaften. 

Umso erstaunlicher scheint es, dass der SC Bern bei keinem seiner drei Titel in den letzten vier Jahren wirklich auf den ausländischen Verteidiger angewiesen war. 2016 musste der ausländische Verteidiger dem tschechischen Torhüter Jakub Stepanek weichen, 2017 kam Maxim Noreau nur zu vier Einsätzen in den Playoffs und 2019 war Adam Almquist in der entscheidenden Phase nach einem harten Check im ersten Finalspiel für den Rest der Serie gesperrt. Auch bei den letzten Meistertiteln des HC Davos 2011 und 2015 fanden sich in den Playoffs keine ausländischen Verteidiger in der Aufstellung. 

Wiederum gibt es aber Beispiele, bei denen gleich zwei ausländische Verteidiger zum Kern des Meisterteams gehörten. 2013 zählten Travis Roche und Geoff Kinrade bei Bern, 2014 Marc-André Bergeron und Steve McCarthy bei den Lions zu den Leistungsträgern. Allerdings ist dies auch bereits ein halbes Jahrzehnt her. Der letzte nennenswerte Verteidigungsminister war Kevin Klein vor einem Jahr, als die Zürcher überraschend vom siebten Platz aus Meister geworden sind.

Kevin Klein spielte so überragende Playoffs, dass er den Rücktritt vom Rücktritt gab und noch eine weitere Saison im Trikot der ZSC Lions auflief. (© ZSC Lions – Berend Stettler)

Wiederum gibt es aber  Beispiele, bei denen gleich zwei ausländische Verteidiger zum Kern des Meisterteams gehörten. 2013 zählten Travis Roche und Geoff Kinrade bei Bern, 2014 Marc-André Bergeron und Steve McCarthy bei den Lions zu den Leistungsträgern. Allerdings ist dies auch bereits ein halbes Jahrzehnt her. Der letzte nennenswerte Verteidigungsminister war Kevin Klein vor einem Jahr, als die Zürcher überraschend vom siebten Platz aus Meister geworden sind.

Ob der EVZ ebenfalls in die Statistik geschaut hat? Vier ausländische Stürmer sind sicher kein Hindernis Meister zu werden. Trotzdem stellt sich die Frage, ob nicht gerade bei Zug ein ausländischer Verteidiger hilfreich gewesen wäre, um neben den zwei Leadern Raphael Diaz und Santeri Alatalo eine dritte Achse zu haben. Denn wer in der Offensive mit Gregory Hofmann, Lino Martschini, Sven Senteler und Dario Simion um sich werfen kann, der wird sicherlich genügend Tore schiessen. Möglicherweise wird sich Sportchef Reto Kläy trotz der kürzlichen Meistererfolge anderer Teams ohne ausländischen Verteidiger bald ein weiteres Mal auf dem Transfermarkt umsehen. 


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