Haben die ZSC Lions das Vertrauen in ihre Torhüter verloren?

Die ZSC Lions haben am Montag mitgeteilt, dass der finnische Torhüter Joni Ortio ab dem 11. September mit den ZSC Lions mittrainieren wird. Es stellt sich die Frage, ob es nur eine nette Geste gegenüber dem vertragslosen Torhüter ist oder ob tatsächlich mehr dahinter steckt.

Der 28-jährige Finne verbrachte die letzte Saison in der KHL bei Vityaz Podolsk und verzeichnete dort eine solide Fangquote von 92.2 Prozent. Zuvor war Ortio schon in der NHL bzw. AHL für die Organisation der Calgary Flames aktiv. Nach drei Jahren in Übersee kehrte er 2016 allerdings nach Europa in die schwedische Liga zurück.

Joni Ortios Statistiken seit seiner Rückkehr nach Europa. (eliteprospects.com)

Wieso trainiert ein solch etablierter Name nun neben dem Hallenstadion mit der Zürcher Mannschaft? Der Finne ist nicht der erste Torhüter, der die Vorbereitung mit den Lions bestreitet. Ortio folgt nämlich auf den nach Amerika zurückkehrenden Justin Pogge, der die letzten Wochen mit den Zürchern trainiert hatte. Neben Lukas Flüeler und Daniel Guntern ist Otio der dritte Torhüter im Team. 

Es ist eine spezielle Situation bei den Zürchern. Mit Lukas Flüeler verfügen sie eine feste Nummer 1, die bereits dreimal Schweizer Meister wurde. Der 30-Jährige besitzt ohne Zweifel sehr viel Klasse, ist aber auch genauso verletzungsanfällig. In den letzten sechs Spielzeiten absolvierte er in der Qualifikation nie mehr als 37 Spiele. Teilweise sass er als Ersatz auf der Bank, öfters musste er die Partien aber auch verletzungsbedingt von der Tribüne aus verfolgen. 

Keine gleichwertiges Goalieduo mehr

Mit dem Abgang von Niklas Schlegel zu Bern verfügen die Zürcher nun erstmals seit vielen Jahren über keinen gleichwertigen Ersatztorhüter mehr. Daniel Guntern soll keineswegs unterstellt werden, ein schlechter Torhüter zu sein. Im Vergleich zu seinen Vorgängern Schlegel, Melvin Nyffeler, Luca Boltshauser und Tim Wolf scheint ihm aber doch etwas Talent zu fehlen. Obwohl Guntern bereits 24 Jahre alt ist, weist er ausser einem Kurzeinsatz in der Saison 2013/14 keine Erfahrungen auf höchster Schweizer Stufe auf. 

Hat die sportliche Führung nun das Risiko erkannt? Bei einem Ausfall von Flüeler würde Guntern ins kalte Wasser geworfen werden. Aber auch ohne Verletzungen würde Flüeler nicht alle 50 Spiele der Qualifikation bestreiten können. Sein mehr und mehr strapazierter Körper liesse dies vermutlich gar nicht mehr zu. So oder so käme Guntern also zu seinen ersten Spielen in der National League. 

Ausländischer Torhüter als Alternative

Während der wochenlangen Vorbereitung auf dem Eis hat der neue Trainer Rikard Grönborg seine ersten Eindrücke zu den Torhütern erhalten. Gut möglich, dass der schwedische Trainer den Ausschlag gab, um nach einem ausländischen Torhüter zu suchen. Reicht ihm die Alternative nicht oder zweifelt er möglicherweise gar an den Qualitäten seiner Nummer 1? Denn Flüeler zeigte in der letzten Saison auch einige Schwächen, als es der Mannschaft gar und gar nicht lief. Mit einem ausländischen Spitzentorhüter unter Vertrag hätten die Zürcher jederzeit die Möglichkeit, eine Änderung auf der Schlüsselposition vorzunehmen. Allerdings sind sie dabei gut beraten worden und wollen keine Kurzschlussentscheidung treffen, wie das in der vergangenen Saison bei Davos der Fall war. Die möglichen Kandidaten werden einfach zuerst ins Probetraining eingeladen. 

Das ganze Vorgehen macht durchaus Sinn. Die Zürcher haben mit dem finnischen Schlussmann Ari Sulander jahrelang gute Erfahrungen mit einem ausländischen Torhüter gemacht und fürchten sich nicht davon, einen ausländische Feldspieler zu opfern. Die Angst vor einer Verletzung Flüelers würde mit einem dominanten finnischen Torhüter in der Hinterhand etwas vermindert werden. Der Druck auf Flüeler, verletzungsfrei zu bleiben und trotzdem auf hohem Niveau abzuliefern, nähme zudem etwas ab. Auf jeden Fall eine sehr intelligente Entscheidung der sportlichen Führung.


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