Spannung am Tabellenende - wie stehen die Chancen der “Keller-Teams”?

Schon ist ein Drittel der Qualifikation in der National League gespielt. Wir blicken hier für einmal nicht auf die Spitzenteams, sondern werfen einen Blick auf das Tabellenende und wagen eine erste Einschätzung der vermeintlichen «Keller-Teams».

Wie haben sich die möglichen Playout-Kandidaten bis jetzt geschlagen, nachdem die Prognosen der Spezialisten dazu im Vorfeld teilweise sehr eindeutig waren?

Zur Erinnerung nochmals der aktuelle Abstiegs-Modus für diese Saison: die Teams auf den Plätzen 11 und 12 beenden die Saison nach der Regular Season, derweil die zwei Letztplatzierten die Abstiegsplayoffs absolvieren (Best of 7) und der Verlierer in die Ligaqualifikation gegen den Meister der Swiss League muss. 

Die Tabelle

Das aktuelle Tabellenende präsentiert sich zurzeit noch ausgeglichen, die vier letzten Teams sind lediglich durch 5 Punkte getrennt. Aussergewöhnlich ist allerdings, dass sich Lausanne und Lugano immer noch im Keller befinden. Wir schliessen diese beiden Teams aber von unserer Analyse aus, in der Annahme, dass sie sich im weiteren Verlauf der Saison aufgrund ihrer stärkeren Kader rangmässig aus der “Abstiegszone” bewegen werden. Nach 6 Siegen aus den letzten 8 Partien befindet sich zur Zeit der EHC Kloten sogar auf einem Pre-Playoff-Platz, trotz 2 Spielen weniger. 

GP W L P
1 Genève-Servette HC 25 18 7 56
2 EHC Biel-Bienne 24 16 8 47
3 ZSC Lions 22 16 6 46
4 Rapperswil-Jona Lakers 24 14 10 40
5 HC Davos 25 12 13 40
6 Fribourg-Gottéron 22 12 10 39
7 EV Zug 24 13 11 37
8 SC Bern 25 12 13 35
9 EHC Kloten 25 11 14 33
10 HC Lugano 24 11 13 32
11 SCL Tigers 25 11 14 31
12 Lausanne HC 26 10 16 31
13 HC Ambri-Piotta 26 11 15 29
14 HC Ajoie 27 5 22 20

Stand 03.11.2022

Die Transfers

Beginnen wir mit einem Vergleich der bisher getätigten Transfers für diese Saison:

HC Ajoie

Imports:

  • T.J.Brennan von Red Bull Salzburg, wo der ehemalige 2.Rundendraft der Buffalo Sabres letzte Saison erstaunliche 47 Scorerpunkte erreichte
  • Martin Bakos, slowakischer Flügelstürmer vom Champions League Teilnehmer Ocelari Trinec, absolvierte davor mehrere Saisons in der KHL. Kam als temporärer Ersatz für den verletzten Jonathan Hazen
  • Frédérik Gauthier, 1.95 m grosser, kanadischer Center, kommt von den Utica Comets, dem Farmteam der New Jersey Devils, mit einer Erfahrung von fast 180 NHL-Spielen

Aber auch vom Schweizer Markt konnte man interessante Neuzugänge verzeichnen:

  • Damiano Ciaccio, der Torhüter kam von den SCL Tigers und wird eine valable Ergänzung zu Tim Wolf sein
  • Thomas Thiry, französischer Nationalverteidiger, spielte schon zwei Saisons beim EVZ und zwei beim SC Bern 
  • Kevin Fey vom EHC Biel, wo der Verteidiger bereits mehrere Saisons absolvierte
  • Gilian Kohler, der U20 Internationale wechselte ebenfalls von Biel zu Ajoie und absolvierte auch schon ein Jahr in der nordamerikanischen WHL (Western Hockey League), 
  • Gregory Sciaroni vom SC Bern, wo der erfahrene Stürmer vier Saisons verbrachte. Zuvor spielte er acht Jahre in Davos

Wohl mehr als bei anderen Mannschaften ist man bei Ajoie vom Auftritt der Ausländer abhängig, was sich auch in deren Eiszeiten von bis zu 27 Min. widerspiegelt. Dementsprechend bilden die vier Topscorer Philipp-Michael Devos, Guillaume Asselin, Jonathan Hazen und T.J. Brennan punkte mässig mit Abstand die Spitze, dahinter fehlen bis jetzt weitere produktive Stürmer. Zudem müssen die Neuerwerbungen Frédérik Gauthier, Martin Bakos und Routinier Gregory Sciaroni beweisen, ob sie entscheidende offensive Impulse setzen können. 

Ein weiterer Faktor wird die Stabilisierung der Defensive sein, die bis jetzt am meisten Gegentore zuliess und mit den einzigen zwei namhaften Zuzügen von T.J. Brennan und Thomas Thiry eventuell zu wenig verstärkt wurde. Sie verfügt mit neun Verteidigern auch nicht über reichlich Breite. 

EHC Kloten

Imports:

  • Juha Metsola, Torhüter von Salavat Yulaev Ufa aus der KHL, wurde dort mehrmals zum besten Torhüter der Liga gekürt und auch in die All-Star Teams gewählt
  • Lucas Ekestahl Jonsson, Champions Hockey League-Sieger letzte Saison mit Rögle
  • Jordan Schmaltz, amerikanischer Verteidiger vom IFK Helsinki und 2012 Erstrunden-Draft der St. Louis Blues. Er verpasste den Saisonstart verletzungsbedingt
  • Arttu Ruotsalainen, finnischer Internationaler, der letzte Saison 18 Einsätze bei den Buffalo Sabres hatte
  • Miro Aaltonen, Center, war zuvor 5 Jahre in der KHL engagiert 
  • Jonathan Ang, flinker, kanadischer Center, 2016 von den Florida Panthers gedraftet, kam aber noch nie zu einem NHL-Einsatz und verbrachte die letzten zwei Saisons beim EHC Thurgau, wo er einer der fleissigsten Scorer war.

Die Schweizer Zuzüge 

  • Axel Simic, der Center/Flügel spielte letztes Jahr beim HC Davos und zuvor zwei Saisons bei den ZSC Lions 
  • Martin Ness, der grossgewachsene Center bestritt auch schon zwei Saisons bei den Krefeld Pinguinen in der DHL

Gewichtige Abgänge:

  • Dominic Nyffeler, Goalie (zu Olten)
  • Robin Figren, der schwedische Stürmer trat zurück
  • Juraj Simek, ging in die Slowakei
  • Jeffrey Füglister, der Center wurde an Langenthal ausgeliehen

Gleich sieben Ausländer leistet sich der EHC Kloten, davon drei hoffnungsvolle Verstärkungen im defensiven Bereich, mit Juha Metsola, einem der besten Torhüter der KHL und den beiden Stützen in der Verteidigung Lucas Ekestahl Jonsson und Jordan Schmaltz. Von ihnen wird auch ein kreatives Element in der Angriffsauslösung erwartet, ohne dabei die Absicherung nach hinten zu vernachlässigen. Letzteres ist bis jetzt noch nicht effizient umgesetzt worden, stehen doch schon 66 Gegentreffer zu Buche, was dem höchsten Wert der Liga entspricht, zusammen mit Ajoie. 

Und falls auch die beiden finnischen Forwards Miro Aaltonen und Arttu Ruotsalainen ihre Topleistungen der letzten Saison in der KHL resp. AHL abrufen, werden sie für viel Power in der offensiven Zone sorgen. 

Mit Eric Faille nehmen die Klotener ihren besten Scorer der letzten Jahre aus der Swiss League mit und der kanadische Center Jonathan Ang bestätigte seine Scorerqualitäten von letzter Saison in der zweithöchsten Liga bereits in den ersten Spielen.

Allerdings ist die Offensivabteilung punkto Effizienz noch einiges schuldig geblieben, mit lediglich 37 Treffern, was der mit Abstand schlechteste Wert der Liga ist. 

Daher ist man unbedingt auf die Kampfkraft der jüngeren Spieler mit bisher wenig bis keiner National League-Erfahrung und auch der älteren, die zuvor keinen Platz mehr in der ersten Liga fanden, angewiesen. Zu Game Changer unter den Schweizern könnten Dario Meyer mit seinen fast 150 Einsätzen in der NL und Marc Marchon, der schon bei Kloten in der höchsten Liga spielte, werden.

Dazu kommt als weitere Verstärkung neben dem Eis mit Larry Mitchell ein erfahrener deutsch-kanadischer Sportchef und Coach von der DEL, der allerdings noch ohne Kenntnisse des Schweizer Eishockeys ist. 

SCL Tigers

Imports:

  • Sami Lepistö, der schon 38-jährige finnische Verteidiger verfügt über langjährige Erfahrung in den Top Ligen der Welt (NHL, KHL und letzte Saison Schwedische Liga)
  • Vili Saarijärvi, von Lukko kommend, wo er letzte Saison zum besten Verteidiger der finnischen Liga mit den meisten Treffern und Punkten gewählt wurde
  • Marc Michaelis, deutscher Internationaler, spielte letzte Saison in der AHL und kam davor zu 15 Einsätzen in der NHL
  • Cody Eakin, der wohl prominenteste NHL Zuzug in diesem Jahr, der kanadische Center verbrachte nicht weniger als 11 Saisons in der NHL, im letzten Jahr kam er auf 69 Einsätze bei den Buffalo Sabres (12 Scorerpunkte)

Die Schweizer Zugänge:

  • Claudio Cadonau, der robuste Verteidiger kam vom EV Zug und spielte zuvor schon zwei Jahre bei den Tigers
  • Luca Boltshauser, zuvor 4 Jahre in Lausanne beschäftigt, war dort aber meistens Goalie Nr. 2 hinter Tobias Stephan

Gewichtige Wegzüge:

Mit Jesper Olofsson und Alexandre Grenier verlor man gleich zwei Topscorer, sowie mit Ivars Punnenovs einen zuverlässigen Backup im Tor.

Auf den ersten Blick fehlen die spektakulären Transfers, mit Ausnahme des erst letzte Woche engagierten NHL Spielers Cody Eakin, der bei den Calgary Flames nach den Trainingscamps keinen Vertrag mehr erhielt. Insbesondere erhofft man sich von den beiden finnischen Verteidigern Sami Lepistö und Vili Saarijärvi eine Stabilisierung der Defensive, die im letzten Jahr die zweitschwächste der Liga war. In der Offensive konnte bis jetzt vor allem der deutsche Marc Michaelis punkte mässig mit 7 Toren überzeugen, währenddem Cody Eakin in seinen ersten 4 Spielen (2 Assists) vor allem auch seine Stärken in der Defensivarbeit zeigte. Aleksi Saarela, der im letzten Jahr noch keine entscheidenden Akzente setzen konnte, hat mit 10 Treffern schon seine Torproduktion vom letzten Jahr egalisiert. Und falls auch Harri Pesonen seine letztjährige Effizienz wiederholen kann, werden die gewichtigen Abgänge von Jesper Olofsson und Alexandre Grenier wohl kompensiert. 

Allerdings wird auch vom restlichen Team eine Steigerung und vor allem mehr Kontinuität nötig sein, um sich von den Abstiegsplätzen fernzuhalten. Ein weiteres Fragezeichen ist das neue Torhüter-Duo, wo Luca Boltshauser die Hauptlast neben dem Nachwuchstalent Stéphane Charlin tragen muss, in der Hoffnung, dass er unverletzt bleibt. Der Start jedenfalls ist ihm geglückt, mit einer ordentlichen Safe-Percentage von 92.8 %. Damit liegt er an sechster Stelle der Liga-Tabelle und lässt unter anderen auch seine Konkurrenten aus Zug, Lugano, Biel und Lausanne hinter sich.

Allerdings musste er im letzten Spiel am Sonntag ausgewechselt werden.

Die Previews

Die SCL Tigers scheinen ihre schlechte letzte Saison hinter sich gelassen zu haben, sie haben im Moment nur einen Punkt Rückstand auf Kloten, allerdings mit zwei Spielen mehr. Wenn sie sich in der Tabelle weiter nach oben orientieren wollen, müssen auch die Schweizer Spieler ihre Torproduktion erhöhen, was insbesondere bei Nolan Diem, Dario Rohrbach und Pascal Berger noch nicht der Fall ist. Einer definitiven Einschätzung der Integration des NHL Spielers Cody Eakin enthalten wir uns infolge der Kurzfristigkeit seines Engagements. 

Trotz des überragenden Harri Pesonen und der Neuverpflichtung des deutschen Internationalen Marc Michaelis sehen wir das Team in den erweiterten Abstiegskampf involviert, vor allem auch wegen des Risikos, keine Nummer 2 im Tor auf NL-Niveau zu haben. 

Der HC Ajoie forciert auch in dieser Spielzeit seine Ausländer kompromisslos, die beiden Verteidiger T.J.Brennan und Gauthier-Leduc verbuchten auch schon bis zu 27 Min. Eiszeit, das ist teilweise doppelt so viel wie die anderen Verteidiger und zeigt die eindeutige Abhängigkeit von den Imports. Ob sie auch im kreativen Bereich überzeugen können, muss sich erst noch zeigen. Immerhin hat Brennan inzwischen schon 13 Punkte gesammelt.

In der letzten Saison wirkten sich die Verletzungen der beiden Top Stürmer Guillaume Asselin und Jonathan Hazen spürbar negativ auf die Resultate aus. Daher wurde vor Meisterschaftsbeginn mit dem Engagement des slowakischen Stürmers Martin Bakos als Ersatz schon reagiert. Dieser verlängerte in der Zwischenzeit seinen Vertrag bis Ende November. Infolge der Abhängigkeit von den Ausländern wird Ajoie trotzdem in den Abstiegskampf verwickelt sein, auch wenn sie in diesem Jahr mehr Qualität haben, um dem einen oder anderen Team ein Bein zu stellen. 

Beim EHC Kloten ist zurzeit die Torproduktion das grosse Problem und falls die Imports sich hier nicht steigern, wird das keine einfache Saison. Die aktuellen internen Topscorer Marc Marchon und Jonathan Ang spielten letztes Jahr in der Swiss League, wie auch der junge Schweizer Stürmer Dario Meyer. Auch an ihn sind hohe Ansprüche gestellt, nach seiner produktiven Saison in der Swiss League. 

Bei der Kaderbreite hat zur Zeit der EHC Kloten die Nase vorn, sowohl die Defensive als auch die Offensive betreffend. Allerdings bedeutet dies nicht immer, auch über ausreichend Tiefe zu verfügen. 

Die mangelnde Offensiv-Power wird Kloten mit erhöhter defensiver Stabilität kompensieren müssen. Hier ruhen die Hoffnungen neben Torhüter Juha Metsola vor allem auf den zwei ausländischen Neuverpflichtungen Lucas Ekestahl Jonsson und Jordan Schmaltz.

Und vielleicht wirbeln die beiden finnischen Stürmer Miro Aaltonen und Arttu Ruotsalainen gleich wie sie das vorher in der KHL resp. AHL taten. Dann wird Kloten definitiv nicht zum Abstiegskandidaten.

Wer wird das vierte Team sein?

Natürlich interessiert uns an dieser Stelle auch, wer als viertes Team die Pre-Playoffs verpassen wird. 

Die aktuelle Tabelle und die Zahlen weisen auf den Lausanne HC mit schon 6 Punkten Rückstand auf einen Pre-Playoffplatz hin. Allerdings wird von diesem Team in Anbetracht seines Budgets und der Kaderqualität demnächst eine positive Reaktion erwartet. Auch wenn Geld nicht zwangsläufig mit Leistung und sportlichem Ruhm gleichgesetzt werden kann. Seit dem Einstieg der ausländischen Investoren ist Lausanne schwer einzuschätzen und man kann in diesem Jahr weder den Vorstoss in den Halbfinal, noch die Verwicklung in den Abstiegskampf ausschliessen. 

Ähnliches trifft auf den anderen, “grossen” Verein, den HC Lugano zu, der zurzeit in den Kampf um das Tabellenende verwickelt, wäre unter Berücksichtigung der ausländischen, hochkarätigen Zuzüge alles andere als eine Finalteilnahme eine Enttäuschung. Aber wenn auch ein erfahrener Bandengeneral wie Chris McSorley scheitert, wer kann den HC Lugano wieder auf die Erfolgsspur bringen? Vielleicht eben doch der neue, junge Trainer Luca Gianinazzi? Wir erwarten von der Mannschaft zumindest das Erreichen der Pre-Playoffplätze. 

Eine weitere Frage ist, ob Ambri, nach ausgezeichnetem Start, die Negativspirale mit zuletzt 6 von 6 verlorenen Spielen stoppen kann, bevor sie aus den Pre-Playoffplätzen fallen. Falls noch Verletzungspech bei den Schlüsselspielern dazu käme, müsste man die Leventiner wahrscheinlich unter die Kandidaten der letzten vier Ränge rechnen.

Das sind natürlich reine Prognosen nach dem ersten Drittel der Meisterschaft. Was schon jetzt zeigt: Es wird eine aussergewöhnlich spannende Saison, in der jeder jeden schlagen kann und wir freuen uns auf viele packende Duelle.