Wie der «Heinz Ehlers der NHL» aus einer Schiessbude ein Spitzenteam formt

In der vergangenen Saison verpassten die New York Islanders klar die Playoffs. Nach dem Abgang von Franchise Player John Tavares sahen viele Fans schwarz. Doch es kam anders als erwartet.

Wie soll man einen Spieler ersetzen, der in der vergangenen Saison im Schnitt über einen Punkt pro Spiel generiert hatte und zuvor drei Jahre lang der Topskorer der Mannschaft war? Genau diese Frage stellte sich der General Manager der New York Islanders, Lou Lamoriello, vor einigen Monaten. Er hatte mit John Tavares einen absoluten Elite-Spieler und Fan-Liebling verloren. So einen Spieler zu ersetzen ist praktisch unmöglich. Das musste sich Lamoriello auch eingestehen.

Die Hoffnungen, einen einigermassen gleichwertigen Spieler zu verpflichten, waren bei den Fans lange da. Doch der gewünschte «Topshot» kam nicht. Dafür verpflichtete der General Manager einen 34-jährigen Valtteri Filppula und einen 32-jährigen Leo Komarov. Im Tor wurde Robin Lehner von den Buffalo Sabres verpflichtet, der beim letztjährigen Schlusslicht einigermassen ordentliche Zahlen aufwies. Zudem gab es einen neuen Trainer. Keine aussergewöhnlichen Zugänge, dafür einen scheinbar unersetzbaren Abgang.

Auf Matthew Barzal, dem letztjährigen Sieger der Calder Memorial Trophy für den Rookie des Jahres, waren zu Beginn der Saison alle Augen gerichtet und alle Hoffnungen gelegen. (Rich Graessle/Icon Sportswire)

Von der schlechtesten zur besten Defensive innerhalb eines Jahres

In der Saison 2017/18 lag es nicht an der Offensive, dass die Islanders die Playoffs verpassten. Sie schossen 264 Tore, am achtmeisten der Liga. Alleine 37 Tore (und 47 Vorlagen) gingen auf das Konto von Tavares. Durch die starke Offensive gelang es den Islanders, ihre grösste Schwäche teils zu kompensieren: die Defensive. 296 Gegentreffer liess die Mannschaft zu. Im Schnitt waren dies 3.6 Gegentore pro Spiel. Die 19 Teams mit den meisten Toren hatten alle eine grüne Tordifferenz - ausser die New York Islanders, welche mit einer Differenz von -32 herausstachen.

Bisher blieb uns der Name des neuen Trainers verborgen. Er heisst Barry Trotz und hatte in der vergangenen Saison erst gerade seinen ersten Stanley Cup mit den Washington Capitals gewonnen. Nach vier Jahren bei den Capitals konnten sich die beiden Parteien nicht auf eine Vertragsverlängerung einigen. Zuvor war er 15 Jahre lang Trainer der Nashville Predators und legte dort die Basis für eine starke Zukunft der Predators. Mit den New York Islanders fand er einen Arbeitgeber, der ihm seine Gehaltsforderungen und die Vertragslänge erfüllten.

Nach etwa einem halben Jahr muss man mit einem Blick auf die Tabelle den Hut ziehen und sagen: Die Verpflichtung von Barry Trotz war mit Abstand die beste Entscheidung von GM Lamoriello. Aber nicht nur Trotz, sondern auch Filppula und Komarov tragen ihren Teil dazu bei. Und Robin Lehner zeigt fantastische Leistungen gemeinsam mit seinem Partner Thomas Greiss. Beide haben eine Fangquote von 93 %.

Was bei einem Blick in die Statistik besonders auffällt, ist die Anzahl erhaltener Tore. Die Islanders haben mit Abstand am wenigsten Gegentore zugelassen. Nur 138 mal mussten Lehner und Greiss hinter sich greifen. Die Islanders erhalten mit 2.38 Gegentoren pro Spiel im Schnitt über 1.2 Tore weniger als noch vor einem Jahr.

 

Trotz hat die Verteidigung stabilisiert und ihnen ein klares System gegeben. Ohne grosse Namen schaffen es die Islanders, Tag für Tag zu arbeiten und Abend für Abend Punkte einzusammeln. Sie spielen zwar kein besonders auffälliges Hockey, doch es funktioniert. In einem Spiel mit Beteiligung der New Yorker gibt es im Schnitt nur 5.29 Tore pro Spiel. Es ist der zweittiefste Wert hinter den Dallas Stars. Zum Vergleich fallen bei den Chicago Blackhawks fast zwei Tore mehr pro Spiel.

Irgendwie kommt einem das Ganze bekannt vor: Nicht besonders talentiert, eine gut organisierte Defensive, kein wahnsinnig attraktives Hockey und trotzdem spielt die Mannschaft ganz gut mit. Die Islanders sind momentan ohne Zweifel mit den SCL Tigers zu vergleichen. Mit Heinz Ehlers haben die Langnauer wohl den besten Taktikfuchs in unserer Schweizer Liga. Barry Trotz zeigt gerade ähnliches in der NHL. Langnau steht trotz geringem Budget auf Platz vier und hat die Playoffs praktisch in den Taschen. Die Islanders befinden sich in der Eastern Conference sogar auf Platz 1 und sind von einem Playoff-Platz nur noch schwer zu verdrängen. Zu Beginn der Saison hätte niemand mit solch guten Platzierungen gerechnet.

Barry Trotz, Trainer der New York Islanders. (bild: youtube)

Manchmal ist eine stabile Verteidigung eben doch wichtiger als ein offensives Feuerwerk. Denn wenn es nach den Toren gehen würde, stünden die Islanders auf den hinteren Plätzen. Ob das System Trotz und Ehlers auch in den Playoffs funktionieren wird, steht zwar noch in den Sternen. Dass beide Teams die Playoffs erreichen, ist praktisch schon auf Papier gedruckt.


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