ZSC Lions: Die Saison fängt ja erst im Frühling an

Während der Hockey-Herbst für die Klubs mit einem geringeren Budget im Kampf um die Playoffs essentiell ist, müssen die hochdotierten Mannschaften in der Qualifikation noch nicht auf Hochtouren laufen. Die ZSC Lions zeigen es ein weiteres Mal.

Für die ZSC Lions ist der Herbst mittlerweile so unbedeutend geworden wie für den Papst der Koran. Vor einem Jahr lagen die Zürcher zum gleichen Zeitpunkt auf Platz Vier und steckten für Zürcher Hockey-Verhältnisse tief in der Krise. Vieles wurde dem schwedischen Trainerduo Hans Wallson und Lars Johansson geschuldet, welches unter dem Dach des Hallenstadions langweiliges, schwedisches Eishockey zelebrieren wollte. Doch trotz eineinhalb Jahren auf dem Trainerstuhl konnte es die Mannschaft nicht umsetzen.

Kurz vor Neujahr, am 29. Dezember, ist dann Sportchef Sven Leuenberger der Kragen geplatzt und er hat die beiden Schweden entlassen. Hans Kossmann hat kurzfristig bis Saisonende übernommen. Gleichzeitig war auch schon klar, dass Serge Aubin die Mannschaft in der kommenden Saison leiten soll.

Nach der Übernahme Kossmanns spielten die ZSC Lions resultatmässig nicht viel besser. Das Spiel auf dem Eis wurde zwar phasenweise besser, doch die Lions konnten kaum einmal über 60 Minuten als Meisterteam auftreten und fielen sogar auf Platz Sieben zurück. Nach dem ersten Spiel in den Playoffs änderten die Zürcher aber ihr Gesicht: Sie spielten plötzlich zielstrebig, aggressiv und konsequent. So wie es ein Meister tun muss. Dies wurden sie dann auch.

Trotz einer schlechten Qualifikation wurden die Zürcher am Ende noch Schweizer Meister 2018. (TOPpictures/Andy Buettiker)

Namhafte Verstärkung in der Sommerpause

Sportchef Sven Leuenberger hat die Mannschaft schon vor dem feststehenden Meistertitel für den Sommer extrem verstärkt. Darum spielen diese Saison die Nationalspieler Denis Hollenstein und Simon Bodenmann, sowie mit Roman Cervenka und Maxim Noreau zwei der besten Ausländer der Liga in den Reihen des Meisters. So gesehen müssten die Zürcher nur so durch die Qualifikation fliegen.

Dazu hat der «Zett» die beste Nachwuchsabteilung der Schweiz. Aus keiner Jugendorganisation finden so viele Nachwuchsspieler den Weg in die höchste Liga. Bei den Lions hat dieses Integrieren der Nachwuchsspieler in den letzten Jahren zwar etwas gelitten, doch seit knapp einem Jahr erhalten so viele Spieler der GCK Lions wie noch nie ihre Chance in der höchsten Liga: Jérôme Bachofner (22), Raphael Prassl (21), Tim Berni (18), Marco Miranda (20), Mattia Hinterkircher (23), Roger Karrer (21), Justin Siegrist (19), Yannick Brüschweiler (19) und Tim Ullmann (31) spielen - abgesehen von den zwei letzteren - regelmässig für die erste Mannschaft.

Bachofner war sogar grösstenteils Topskorer bisher. (TOPpictures/Alexander Raemy)

Nun, die Zürcher haben so viel Talent in ihrer Mannschaft, dass sie eine Playoff-Qualifikation aus nüchterner Sicht gar nicht verpassen können. Wieso sollen sie schon in der Regular Season ihr volles Potential ausspielen, wenn man auch vom siebten Platz aus Meister werden kann, wie sie es letztes Jahr gezeigt haben? Sie haben also gar keinen Grund, jetzt schon Eishockey mit der richtigen Einstellung zu praktizieren.

Aber wir haben...

Zusätzlich würden Optimisten mit folgendem Satz daherkommen: «Wir haben sehr viel Verletzungspech.» Zugegeben, den Lions haben in dieser Saison schon Patrick Geering (erst 8 Spiele bestritten), Roman Wick (10), Pius Suter (12), Roman Cervenka (12), Lukas Flüeler (14), Fabrice Herzog (14) verletzungsbedingt und Fredrik Pettersson (12) wegen einer Sperre länger gefehlt. Vom Langzeitverletzten Robert Nilsson noch abgesehen.

Und was sagen dann die SCL Tigers und Ambri mit einem weniger breiten Kader und einem kleineren Budget? Bei Langnau fehlten in dieser Saison bereits Thomas Nüssli (seit Beginn), Emanuel Peter, Nils Berger, Ivars Punnenovs, Alexei Dostoinov, Samuel Erni, Yannick Blaser und Aaron Gagnon. Ambri musste schon auf Dominic Zwerger (praktisch die ganze Vorbereitung), Bryan Lerg, Nick Plastino, Elias Bianchi, Christian Pinana, Tommaso Goi, Michael Fora, Matt D’Agostini und Daniel Manzato verzichten.

Die jeweiligen Namen mögen vielleicht nicht so gross sein, wie diejenigen der Zürcher. Trotzdem spielen sie für ihr Team eine mindestens so wichtige Rolle. Die Ausrede «Verletzungspech» ist daher abgelehnt.

Mit Yannick Blaser (hier im Bild) und Samuel Erni fehlten den Langnauer auch gleich zwei defensive Eckpfeiler in der Mannschaft. (TOPpictures/Alexander Raemy)

Leistungsträger schwächeln - die Jungen müssen sich aufdrängen

Wirft man einen Blick auf die Statistik, bleiben vor allem die langjährigen Leistungsträger hinter ihren Erwartungen zurück. Junge Spieler wie Bachofner (11 Skorerpunkte), Prassl (9), Berni (5), Miranda (4) und Hinterkirchen (3) müssen sich für einen Platz in der Aufstellung aufdrängen, während die arrivierten Kräfte wie Baltisberger (8), Bodenmann (7), Wick (4), Herzog (4), Schäppi (3) und Geering (1) trotz mehr Eiszeit deutlich hinter den Erwartungen zurückbleiben.

Topskorer der Zürcher ist momentan Denis Hollenstein mit 12 Punkten aus 21 Spielen. Gemeinsam mit Rapperswils Daniel Kristo - welcher aber erst 12 Spiele bestritten hat - ist er der schlechteste Topskorer der Liga. Die verhältnismässig gute Skorerausbeute des Urkloteners lässt sich damit erklären, dass er sich in den neuen Farben und der neuen Stadt erst noch beweisen muss. Aber auch er steht eigentlich hinter den Erwartungen.

Die Lions schauen dem Ernst der Lage nicht mit offenen Augen entgegen. Die Vorfreude auf das neue Stadion ist verständlich gross. Vielleicht will man im Hallenstadion gar keinen Meistertitel mehr feiern und erst auf den Einzug ins neue Stadion warten? Andernfalls muss ab sofort eine Leistungssteigerung her. Ein zweites Mal vom siebten Platz aus Meister werden wird nicht gelingen. Die Zürcher sind dieses Jahr nicht mehr die Jäger, sondern die Gejagten. Aber vielleicht wäre es gar nicht so schlecht, wenn dieses «Starensemble» wirklich einmal den Gang in die Playouts antreten muss?


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