Saisonvorschau 2022/23: HC Ajoie - Den Kader verbreitert, aber nur teilweise verbessert

Noch neun Tage bis die Eishockey-Saison 2022/23 startet. Die meisten Teams befinden sich im Schlussspurt der Saisonvorbereitung oder haben bereits die ersten Champions Hockey League-Partien absolviert. Heute im Fokus: HC Ajoie

Als der HC Ajoie vor zwei Jahren aufgestiegen war, erging es ihm fast noch schlechter als einem gewöhnlichen Aufsteiger. Denn neben dem im April meist so oder so ausgetrockneten Transfermarkt gab es auch keinen Absteiger, bei dem man sich bedienen konnte. Und so gestaltete sich die erste Saison in der National League als sehr hart. Bei den Ausländern kam viel Verletzungspech dazu und die Schweizer waren über vier Linien nicht gut genug. Dementsprechend überrascht es nicht, dass man Ende Saison im Besitdz der roten Laterne war.

 Eine Fantasy-Aufstellung des HC Ajoie aufgrund der vergangenen Saison, Testspielen der Saison 2022/23 und Spekulation.

Viele Neuzugänge, aber keine grossen Namen

Auch in der neuen Transferperiode konnte Ajoie keine grossen Schweizer Namen in den Jura locken. In der Breite hat man sich aber auf jeden Fall verstärkt. Man holte mit Gilian Kohler, Kevin Fey, Valentin Pilet und Kevin Bozon drei Spieler zurück, die bereits eine Vergangenheit in Ajoie haben. Während die ersten beiden vom EHC Biel zum Team stossen, spielten Pilet und Bozon in der vergangenen Saison hauptsächlich in der Swiss League. Die allzu grossen Verstärkungen sind sie demnach nicht. Auch Goalie Damiano Ciaccio, Verteidiger Thomas Thiry und Stürmer Gregory Sciaroni waren bei ihren Klubs keineswegs unangefochtene Leistungsträger und werden die Mannschaft eher in der Breite verstärken, sie aber alleine nicht einen Schritt nach vorne bringen. In den letzten Tagen wurde ausserdem noch die Leihe von Mathieu Vouillamoz, der eigentlich bei Genf unter Vertrag steht, vermeldet. Zudem hat Fabio Arnold, vertraglich an Lausanne gebunden, die letzten Testspiele bei den Jurassiern absolviert. Es sind zwei weitere Spieler, die womöglich das Kader verbreitern, die qualitative Verstärkung darf jedoch in Frage gestellt werden.

Zu viele Gegentore erhalten

Relativ gut aufgestellt war Ajoie in der letzten Saison im Tor: Tim Wolf vermochte grösstenteils zu überzeugen, obwohl seine Fangquote von unter 90 Prozent nicht allzu gut aussieht und er mit Abstand am meisten Tore erhalten hatte. Doch der 30-Jährige wurde auch oftmals von seinen Vorderleuten im Stich gelassen. Alain Birbaum, Bastien Pouilly und Anthony Rouiller sind alles Verteidiger unter 175 cm. Dementsprechend fehlt die Wasserverdrängung vor dem eigenen Tor. Da tut der Zuzug von Thiry mit 191 cm und über 100 kg sicherlich gut. 

Das Umschalten von Verteidigung in den Angriff hängt hauptsächlich von Jérôme Gauthier-Leduc und dem neuen Ausländer T. J. Brennan ab. Es wird hochinteressant zu sehen sein, wie sich der 33-jährige Amerikaner in einer qualitativ besseren Liga schlägt. Die letzten zwei Jahre verbrachte er in der Swiss League bei Thurgau und in Österreich bei Salzburg, wo er jeweils als Verteidiger einen Punkt pro Spiel sammelte. Für Ajoies schwächelnde Offensive wäre dies natürlich Gold wert. Auf der anderen Seite ist er aber auch nicht gerade für seine defensive Disziplin bekannt, was für die Jurassier als Team mit der schlechtesten Defensive der letzten Saison nicht unbedingt hilfreich ist. 

Der beste Torschütze der Swiss League

Ein grosses Fragezeichen steht hinter Ian Derungs. Der 22-jährige Flügelspieler war in der letzten Saison mit 37 Toren und 57 Punkten in 50 Einsätzen der mit Abstand beste Torschütze der Swiss League. In den Playoffs sammelte er zudem weitere 13 Punkte. Wenn der HC Ajoie nicht erneut am Ende der Saison die rote Laterne haben will, dann muss Derungs in der höchsten Liga ebenfalls punkten. Denn ansonsten gibt es nicht viele Schweizer Spieler im Kader, die mit demselben Talent gesegnet sind.

Thibault Frossard war wohl der Einzige, der ohne Hilfe der Ausländer für Punkte gesorgt hatte. Mit 28 Skorerpunkten zählte er gar zu den besten 25 Schweizer Skorern. Der 29-jährige Center spielte in seiner Profikarriere ausschliesslich für den HC Ajoie und muss nun seine tolle Saison bestätigen. 

Thibault Frossard war einer derjenigen Spieler, die nach dem Aufstieg in der höchsten Liga wohl alle überrascht hat. (JustPictures)

Auch die Ausländer nur Durchschnitt

Was den Schweizer Stürmern fehlt, müssen die Ausländer kompensieren. Das würde man meinen: Doch einfacher gesagt, als getan. Philip-Michael Devos hat nach einem schwachen Saisonstart zwar ordentlich Punkte gesammelt, 38 waren es am Ende, doch die restlichen Ausländer blieben eher blass. Jonathan Hazen, der besser in der National League in Fahrt gekommen war als Devos, verletzte sich nach acht Spielen und sechs Skorerpunkten. Guillaume Asselin kämpfte immer wieder mit kleineren oder grösseren Verletzungen und sammelte dadurch im Schnitt nicht einmal einen halben Skorerpunkt pro Spiel. Alle drei haben weiterlaufende Verträge und müssen mindestens einen Gang hochschalten, damit Ajoie überhaupt in jedem Spiel um Punkte kämpfen kann. 

Das Stürmerquartett wird Frédérik Gauthier ergänzen. Der 27-jährige Center verbrachte den grössten Teil seiner Karriere in der AHL, kam aber immer wieder sporadisch zu Einsätzen in der NHL. Dank seiner Grösse von 195 cm war er in der besten Liga der Welt ein interessanter Spieler für die vierte Linie, der geborene Skorer ist er allerdings nicht. Dementsprechend wird er den Jurassieren bei ihrem Hauptproblem, dem Toreschiessen, nur bedingt weiterhelfen. 

HockeyInfos Prognose

Abschliessend muss man sagen, dass es in Ajoie an allem ein bisschen fehlt. Abgesehen von Derungs und Frossard haben die Schweizer Stürmer zu wenig Talent, um regelmässig für Tore zu sorgen und Spiele zu entscheiden. Die Ausländer können dabei helfen, allen voran Devos, aber werden auch nicht an jedem Abend den Unterschied ausmachen können. Die Defensive ist zu leicht besetzt und spielerisch zu langsam für die höchste Liga. Die Goalie-Position ist kein zusätzlicher Schwachpunkt, aber auch nicht gut genug, um das nominell am schwächsten besetzte Kader der Liga jeden Abend aufs Neue im Spiel zu halten. Wenn noch die Verletzungen der potentiellen Leistungsträgern Hazen und Derungs dazugerechnet werden, die beide zum Saisonstart fehlen, wird es umso schwieriger für Ajoie.

Doch vielleicht ist genau das die grösste Stärke von Ajoie: Sie haben überhaupt nichts zu verlieren. Es geht in jedem Spiel darum, den Gegner zu ärgern und ihm Punkte wegzunehmen. Und wer weiss, was dann am Ende möglich ist. 

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